Von Anfang Januar bis Ende März habe ich in Südbaden Unterstützungsunterschriften für die deutsche Newropeans-Liste für die Europawahl im Juni gesammelt und dabei mit hunderten von Menschen gesprochen. Dies war eine sehr einschneidende und prägende Erfahrung für mich. Ein Thema, das immer wieder angeschnitten wurde, war das Thema „Regulierung unserer Nahrung durch die EU“.

Das fängt an mit Witzen über die Bananenkrümmung oder Klagen über die EU-Argarsubventionen und geht bis Warnungen davor, dass von der EU geplant ist, dem „Big Agro-Business“ die totale Kontrolle über unsere Nahrung zu geben. Und dann gibt es noch die Stimmen der Landwirte, die das große Bauernsterben der letzten Jahrzehnte überlebt haben: sie wissen eigentlich nicht mehr, wie und ob sie ihre Betriebe noch erhalten können.

Tatsächlich ist es so, dass ein genauer Beobachter feststellen kann, dass in den letzten zwei Jahrzehnten das Tempo der Veränderung unserer sozialen, politischen und realen Umwelt rasant zugenommen hat. Über einige Jahrzehnte, zwischen dem Ende des zweiten Weltkriegs und dem Beginn der neo-liberalen Globalisierung, gab es so etwas wie eine Ruhepause, in der das Leben für den einzelnen noch überschaubar und planbar war: Die deutsche Bundesbahn war ein Vorbild an Pünktlichkeit, der Arbeitgeber vieler Menschen aus meiner Region hieß noch Alu Singen und noch nicht Rio Tinto, Fernsehen konnte man in der ARD und im Zweiten, zum Arzt ging man, um gesund zu werden und Tomaten schmeckten noch nach Tomaten. In dieser Periode wurde vieles, was wir heute beobachten, geistig vorbereitet. Dieses rasante Tempo der Veränderung gibt es in allen Bereichen, doch die Veränderungen, die unsere Nahrung und den Gesundheitsbereich betreffen, sind besonders brisant, da es hier um den Umgang mit unserem eigenen Körper, also um den Umgang mit dem Leben schlechthin geht.

Unsere Wissenschaft ist zwar dabei, die letzten Geheimnisse zu entschlüsseln, doch sie weiß nicht, was das eigentlich ist: „Leben“. Statt Biologie sagt man zwar heute „Life Sciences“ und man rückt dem Leben mit aller Gewalt und mit allen Mitteln auf den Leib, doch eine Definition von „Leben“ habe ich bisher noch in keinem Lehrbuch gefunden. Das liegt nicht nur daran, dass wir es sind, die leben, sondern auch daran, dass wir versuchen, das Phänomen „Leben“ mit zwar komplexen, aber doch letztlich der linken Hemisphäre entspringenden Methoden zu entschlüsseln. So gibt es z.B. eine total unfruchtbare und unproduktive Debatte darüber, dass die Homöopathie wissenschaftlich gesehen Unfug ist. Einerseits gibt es in Deutschland eine große Anzahl von Homöopathen, die zu tiefen und heilbringenden Erkenntnisse über das Wesen und die Therapie vieler Krankheiten gelangt sind, andererseits gibt es die Wissenschaftler, die in Doppelblindstudien feststellen, dass alles nur Placebo ist. Und keiner dieser kritischen Wissenschaftler sieht, dass man mit wissenschaftlichen Methoden, die das Subjekt und die Wirkungen auf und durch das Subjekt ignorieren, nicht die Homöopathie, die gerade auf diesen Wirkungen basiert, erforschen kann.

Wenn es hier nur um falsche wissenschaftliche Ansätze ginge, dann könnte man darüber hinweggehen und darauf hoffen, dass die Zukunft bessere Ansätze bringen wird. Doch wir befinden uns nicht im wissenschaftlichen Elfenbeinturm, sondern in einer realen Welt, die, und das wird zunehmend klarer, in den letzten Jahrhunderten immer mehr von Gier und Profitstreben geformt und gestaltet wurde. Es gibt, und um das festzustellen, muss man heutzutage kein Kommunist sein, offensichtlich eine kleine Elite, die diesen Planeten dominiert und nur von ihrer Gier und ihrem Profitstreben gelenkt wird. Jemand, der von Gier getrieben ist, dem ist nichts genug ist. So versucht ein unternehmerisch denkender Mensch, ein Unternehmen gut zu führen, Gier dagegen macht Unternehmen kaputt. Und deshalb kann Gier vor nichts Halt machen, braucht immer neues Futter und nicht nur das: je mehr Futter man der Gier gibt, desto mehr neues Futter braucht sie.

Eine „normale“ Gesellschaft würde dafür sorgen, dass es den Menschen immer besser geht. Doch wir können das Gegenteil beobachten: den Menschen geht es immer schlechter. Nachdem ich einige Wochen Urlaub genommen hatte, um die Unterschriften zu sammeln, und dann wieder an meinen Arbeitsplatz (Gastronomie = Niedriglohnbereich) zurückkam, fiel mir umso deutlicher der schlechte Gesundheitszustand meiner Kolleginnen auf.  Wer wenig verdient, der spart am Essen. Und heutzutage muss auch keiner mehr hungern, obwohl er arm ist. Es gibt genug Lebensmittel für den kleinen Geldbeutel, billige und immer billigere Angebote. Und schön verpackt sind diese Lebensmittel und sie sind, will man den bunten Verpackungen glauben, auch nicht nur die Erfüllung aller unserer Sehnsüchte, sondern auch noch durch und durch gesund. Enthalten sie nicht alles, was wir brauche: wenig Fett, keinen Zucker und bestimmt auch noch Vitamin D. Und praktisch sind diese Lebensmittel auch, man braucht gar nicht mehr kochen, die Tiefkühlpizza ersetzt heutzutage die Kochschule.1984 ist längst vorbei, wir leben schon längst in der „schönen, neuen Welt“. Einen befreundeten Musiker, der sich jedes Jahr viele Monate in Indien aufhält, fragte ich, wie es dort jetzt ist und er antwortete: „Die Menschen sind alle krank, sie brauchen mehr und mehr Medikamente.“

Dieser schönen neuen Welt stehen aber noch gewachsene Strukturen (z.B. unsere Ernährungsgewohnheiten) und auch das wachsende Umwelt- und Gesundheitsbewusstsein vieler Menschen im Wege. Die meisten Erfolge beim Unterschriftensammeln hatte ich auf den hiesigen Wochenmärkten, wo die Leute hingehen, um frische, regionale und biologisch angebaute Produkte von Produzenten und Händlern, die sie kennen, zu kaufen. Darüber sollten wir uns freuen, aber auch wachsam bleiben. Die Gefahr besteht nämlich darin, dass dieses wachsende Umwelt- und Gesundheitsbewusstsein instrumentalisiert und ausgenutzt wird. Und dies ist leider schon in vollem Gang. Am Kiosk kann man seit neuestem „Autobild Greencars“ kaufen und was sonst ist nicht alles inzwischen „Bio“, „Grün“ oder „Öko“? Die höchste Steigerung ist allerdings „CO2-neuteral“, damit kann man sogar Dinge verkaufen, die an sich ökonomisch unsinnig sind oder eigentlich der Umwelt schaden. Und für all dies wird, und dies ist bedeutsam, die Wissenschaft eingespannt.

Immer mehr Menschen erkennen, dass die Eliten, die unsere Welt derzeit gestalten, versagt haben. Sie überziehen den Planeten mit immer neuen Kriegen, haben große Teile der Weltbevölkerung der Verelendung preisgegeben, zerstören die ökologischen Kreisläufe der Erde und bedrohen unsere wirtschaftlichen Grundlagen durch eine Krise ungeahnten Ausmaßes. Die Menschen können sehen, dass der Karren an die Wand gefahren wurde.

Und trotzdem entfalten die alten Eliten gerade in dieser historischen Situation eine ungeahnte Gestaltungskraft. Barack Obama versucht, uns ein „Neues Amerika“ zu verkaufen und in der EU sieht es so aus, dass einerseits die Legitimation nach den Volksabstimmungen zum EU-Vertrag bzw. dem Vertrag von Lissabon schwindet, dafür aber der Ausstoß an Gesetzen, Verordnungen und Regelwerken zunimmt. Und in diesem Prozess ist der Nahrungsbereich von besonderer Bedeutung, denn: „Wer das Öl kontrolliert, ist in der Lage, ganze Nationen zu kontrollieren; wer die Nahrung kontrolliert, kontrolliert die Menschen.“ (Henri Kissinger, zitiert von F. William Engdahl in seinem Buch „Saat der Zerstörung, die dunklen Seiten der Gen-Manipulation“).

In diesem Bereich geht die Auseinandersetzung unbemerkt von der Öffentlichkeit derzeit um den „Codex Alimentarius“, eine Sammlung von Normen für die Lebensmittelsicherheit und Lebensmittelproduktqualität, die von den Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisationen und der Weltgesundheitsorganisation der UN herausgegeben wird, und bei deren Erarbeitung die EU-Kommission eine zentrale Rolle spielt. Der Codex ist zwar kein Gesetz hat aber weitgehende Einflüsse auf die Gesetzgebung der Mitgliedsstaaten. Das Brisante ist, wie bei ähnlichen anderen Projekten, die fehlende demokratische Kontrolle und die fehlende Öffentlichkeit. Von den Warnern vor dem „Codex Alimentarius“ wird angeführt, dass es sich dabei um ein Regelwerk für die geplante totale Kontrolle des Nahrungssektors durch Monsanto und Co, insbesondere auch im bisher „unterentwickelten“ Europa handelt.

Hellhörig wurde ich, als ich im Internet einen kritischen Kommentar zur Debatte um den „Codex Alimentarius“ fand. Steven Black führt ins einem Artikel „Die Codex Verwirrung“ (http://blacksnacks13.spaces.live.com/blog/cns!BD779161601D08D0!6102.entry) aus, dass die prominenten Codex-Kritikerin Rima Laibow möglicherweise absichtlich und gezielt falsche und weit überzogene Behauptungen über den Codex Alimentarius aufstellt, um damit ein Klima herzustellen, in dem dann viele Dinge, die wir eigentlich gar nicht wollen, doch beschlossen werden, gerade weil sie eben nicht so schlimm sind, wie die überzogenen Behauptungen. Für kritische Menschen ist es also von höchster Dringlichkeit, sich in diese komplexe Materie einzuarbeiten und eine eigene Meinung zu bilden. Nur so kann der derzeitige Prozess kontrolliert und gestoppt werden. Dies gilt speziell auch für den Bereich GVO. Wir können uns nicht auf unsere CSU-Landwirtschaftsminister verlassen, die den Gen-Mais von Monsanto erst zulassen und jetzt auf Druck der Basis verbieten, denn wir wissen aus Erfahrung, dass sie zu denen gehören, von denen der Volksmund sagt: „Wes Brot ich ess, des Lied ich sing“.

Die Newropeans sehen es als ihre Aufgabe, in Europa die Gestaltungskraft weg von den Eliten und hin zum Bürger zu bringen. Sie treten an gegen das herrschende System, in dem in Brüssel unter aktiver Beteiligung wichtiger Lobbies die Vorgaben gemacht werden, die dann in den Nationalstaaten stillschweigend umgesetzt werden. Sie wollen die EU-Kommission in ihrer derzeitigen Form abschaffen und ersetzen durch ein EU-Parlament mit Gesetzesinitiativrecht, eine von ihm gewählte Regierung und Volksabstimmungen über wichtige EU-Verträge. Sie treten außerdem ein für das Prinzip der Subsidiarität. Subsidiarität ist „eine politische und gesellschaftliche Maxime und stellt Selbstverantwortung vor staatliches Handeln. Demnach sind bei einer staatlich zu lösenden Aufgabe zuerst und im Zweifel die untergeordneten, lokalen Glieder wie Stadt, Gemeinde oder Kommune für die Umsetzung zuständig, während übergeordnete Glieder zurücktreten“ (Wikipedia). Das Programm der der Newropeans zu Umwelt, Energie, Landwirtschaft und Klima ist hier zu finden.

aus: http://www.newropeans-magazine.org/content/view/9235/253/

Written by Christel Hahn